Staatsdiener auf Samtpfoten – Wenn Schnurren zur Amtshandlung wird

atzen gelten gemeinhin als Inbegriff der Unabhängigkeit - eigensinnig, schwer zu instrumentalisieren und allenfalls ihren eigenen Anliegen verpflichtet. Umso erstaunlicher ist eine kulturgeschichtliche Kuriosität, die über Jahrhunderte und Kontinente hinweg immer wieder auftaucht: Katzen, die offiziell in menschliche Institutionen integriert werden – mit Titeln, Aufgabenprofilen und gelegentlich sogar mit einem eigenen Budgetposten. Ob als Mäusejäger, Maskottchen, Glücksbringer oder stille Autorität im Hintergrund – die Katze im Amt ist weit mehr als eine folkloristische Randnotiz. Sie fungiert als Projektionsfläche für Ordnung, Kontinuität und eine Form von Würde, die sich von jeglicher politischer Rhetorik wohltuend abhebt. Wir folgen den Spuren jener „Staatsdiener auf Samtpfoten“, die in Rathäusern, Ministerien, Museen, auf Bahnhöfen und sogar an den Schalthebeln der Macht Platz genommen haben.
Larry, Chief Mouser to the Cabinet Office
Einer der prominentesten und langlebigsten Amtsträger dieser Art ist Larry, jener Kater, der in der Dowining Street Nummer 10 residiert. Während im Londoner Regierungsviertel Premierminister kamen und gingen, Koalitionen zerbrachen und ganze politische Ären im Mahlstrom des Wandels der Zeit versanken, blieb er als unerschütterliche Konstante auf seinem Posten. Der Chief Mouser to the Cabinet Office – so lautet Larrys offizieller Titel – feierte kürzlich seinen stolzen 19. Geburtstag. Damit ist er nicht nur biologisch ein Methusalem, sondern einer der dienstältesten politischen Beamten der westlichen Welt: ganze sechs Premierminister – von David Cameron bis Keir Starmer hat Larry bisher überdauert.
Bei Touristen als Fotomotiv äußerst begehrt, ist Larry jedoch weit mehr als ein plakatives sympathisches Gesicht mit Schnurrhaaren: Er ist Teil einer tief verwurzelten britischen Tradition, die den kätzischen Beistand in Verwaltungsgebäuden bereits im 16. Jahrhundert zur Staatsraison erhob. Quasi jedes Ministerium verfügt seither über seinen eigenen Amts-Kater – so hat das Finanzministerium Kater Gladstone und hatte das Außenministerium Kater Palmerston. Als Beamte auf Samtpfoten besetzen diese Tiere eine Nische zwischen pragmatischer Schädlingsbekämpfung und diplomatischer Soft Power.
Lange Zeit liefen diese felinen Ämter jedoch inoffiziell. Erst 2011, mit der Ernennung Kater Larrys zum Chief Mouser, wurden Titel und Posten schließlich amtlich – weswegen Larry in den Chroniken der Londoner Regierungsmeile Whitehall eine besondere Rolle zukommt.
Aufgrund der Konkurrenz durch die Kater in den anderen Ministerien war Larry während seiner langen Amtszeit nicht immer der unangefochtene Herrscher im Regierungsviertel. In den Jahren um den Brexit war Kater Palmerston, der offizielle Mäusejäger des Außenministeriums sein erbitterter Feind. Während hinter der berühmten schwarzen Tür über Austrittsabkommen gestritten wurde, flogen draußen zwischen Larry und Palmerston die Fetzen – sehr zum Vergnügen der Boulevardpresse, die in den Scharmützeln eine perfekte Metapher für das politische Chaos sah und den tierischen Revierkampf bedeutungsvoll „Katzenkrieg von Whitehall“ taufte. Palmerston ging 2020 schließlich in den wohlverdienten Ruhestand auf dem Land, während Larry nach wie vor unverdrossen die Stellung hält.
Ein europäisches Panorama feliner Bürokratie
Doch der Drang, Katzen in den Staatsdienst zu stellen, ist keineswegs eine britische Spezialität. Quer über den europäischen Kontinent finden sich Samtpfoten in offiziellen Positionen, die weit über das bloße Mäusefangen hinausgehen.
Im lettischen Riga etwa schrieben zwei Kater namens Kuzja und Muris Geschichte. 2011 adoptierte sie der damalige Bürgermeister aus dem Tierheim und ließ sie in seinem Büro wohnen. Später ernannte er sie kurzerhand zu „offiziellen Katzen des Stadtrats“. Sie besaßen nicht nur eigene Mitarbeiterpässe, sondern fungierten als diplomatische Eisbrecher bei hitzigen Debatten im Rathaus.
In Russland blickt man auf eine im wahrsten Sinne imperiale Tradition zurück: Die Eremitage-Katzen in St. Petersburg beschützen die Kunstschätze des berühmten Winterpalastes bereits seit der Zeit Katharinas der Großen. Sie gelten als festangestellte Mitarbeiter des Museums, verfügen über eigene Krankenakten und werden jährlich mit dem „Tag der Eremitage-Katze“ geehrt.
Sogar in Deutschland finden sich Spuren dieser „Dienstkatzen-Kultur“. In Archiven und Museen werden sie oft als inoffizielle Wächter geschätzt, die das kulturelle Erbe vor Nagern bewahren. Als „Bürokatzen“, die für ein besseres Arbeitsklima sorgen, erfreuen sie sich ebenfalls zunehmender Beliebtheit – und das nicht nur im Staatsdienst. Auch in so manchem Konzern leisten sie durch ihre bloße Anwesenheit einen einfachen Beitrag zur psychischen Gesundheit der Belegschaft – ein Modell, das sich so mancher Personalrat zum Maßnahmen-Vorbild nehmen könnte.
Ein Wirtschaftswunder auf Samtpfoten
Blickt man nach Fernost, so verlässt die Katze den Bereich der bloßen Verwaltung und betritt die Bühne der ökonomischen Rettung. In Japan, wo die Grenze zwischen Folklore und Moderne ohnehin fließend ist, wurde die dreifarbige Kätzin Tama zur Legende. Als die Kishigawa-Bahnlinie 2007 vor dem Bankrott stand, ernannte man die einstige Hofkatze des Bahnhofs Kishi kurzerhand zur offiziellen Stationsvorsteherin.
Was wie ein poetischer Akt der Verzweiflung wirkte, entpuppte sich unerwartet als genialer wirtschaftlicher Coup. Tama, ausgestattet mit einer maßgeschneiderten Dienstmütze, löste eine nationale Welle der Sympathie aus. Über 1,1 Milliarden Yen spülte der „Tama-Effekt“ in die regionale Kasse. Heute wird die 2015 verstorbene Tama im Jenseits als Nekogami (Katzengottheit) in einem Shintō-Schrein verehrt, während bereits ihre Nachfolgerin Nitama das Erbe mit gewohnt würdevoller Gelassenheit angetreten ist. Diese japanische Symbiose aus Kommerz und Spiritualität, brachte einst auch die auch die heute allgegenwärtige Maneki-neko (Winkekatze) hervor – eine kommerzielle Schutzheilige, die schon in den Teestuben der Edo-Zeit als „Kundenseelenführer“ offiziell registriert wurde.
Demokratie und Diplomatie: Ein Kater als Korrektiv
Dass die Erhebung der Katze in ein Amt oft auch ein stiller Protest gegen menschliches Versagen ist, zeigt die Geschichte von Kater Stubbs. Neunzehn Jahre lang lenkte er die Geschicke des alaskischen Städtchens Talkeetna als Ehrenbürgermeister. Seine Wahl im Jahr 1997 war ein basisdemokratischer Akt der Desillusionierung: Die Bürger fanden keinen menschlichen Kandidaten gut genug und schrieben kurzerhand den Namen des Katers auf die Stimmzettel. Stubbs regierte ohne Steuererhöhungen, empfing Touristen in seinem „Amtszimmer“ (einem Gemischtwarenladen) und nippte täglich an seinem mit Katzenminze versetzten Wasser, das gelegentlich mit einem Löffel Sahne veredelt wurde. Er war das ultimative Symbol für eine Politik, die zumindest keinen Schaden anrichtet – ein Traum vieler Menschen weltweit.
Ähnlich diplomatisch agieren Katzen heute auf internationalem Parkett: Die US-Botschaft in Jordanien führt eine eigene „Embassy Cat“, während die Straßenkatzen Istanbuls – allen voran das verstorbene Stadtmaskottchen Tombili – längst Teil der türkischen Kulturlobby sind.
Von heiligen Wächtern und bibliophilen Geistern
Die Wurzeln dieser modernen felinen Ehrenämter reichen geschichtlich weit zurück bis in die Antike. Bereits im alten Ägypten waren Katzen als Manifestationen der Göttin Bastet amtliche Würdenträger. Ihr Schutz war gesetzlich verankert, ihr Export staatlich reglementiert. Dieser Geist setzte sich im Mittelalter fort, in Form von Klosterkatzen, die Skriptorien vor Nagern schützten. In der Bibliothek von St. Andrews in Schottland etwa finden sich Lohnlisten aus dem 16. Jahrhundert, die Ausgaben für Katzenfutter als festen Budgetposten ausweisen.
Bis heute wird diese literarische Tradition weitergetragen, etwa in Key West, wo die berühmten sechszehigen Katzen des Hemingway-Hauses als „historische Wächter“ geführt werden. Jedes dieser Tiere verfügt über einen dokumentierten Stammbaum – eine Würdigung der von Hemingway geliebten Tiere, die – ganz in seinem Sinne – eine Brücke zwischen der Welt der Buchstaben und der Welt der Instinkte schlägt.
Warum Katzen die besseren Beamten sind
Warum drängt es uns Menschen danach, Katzen mit Titeln, Mützen und Dienstgraden zu schmücken? Vielleicht, weil sie Tugenden verkörpern, die wir bei menschlichen Amtsträgern oft schmerzlich vermissen.
Ein Kater wie Larry kennt keine Korruption (es sei denn, es geht um erstklassiges Fisch-Filet). Er betreibt keine Klientelpolitik und seine Reden beschränken sich auf ein prägnantes „Miau“, das in seiner Klarheit jedem Politiker-Geschwafel haushoch überlegen ist. Katzen sind die ultimativen Stoiker des öffentlichen Dienstes: Sie lassen sich nicht von Umfragewerten bestechen und bewahren selbst in der größten Staatskrise souveräne Gelassenheit.
Ob als wirtschaftliche Lebensretterin in Japan, stoischer Bürokrat in London oder demokratisches Gegenmodell in Alaska – die Katze im Amt ist nicht zuletzt auch ein ironischer Kommentar gegenüber einer Welt, die sich allzu oft zu ernst nimmt.

Schreibe einen Kommentar