Die Katze in der Ästhetik der Jahrhundertwende: Ornament, Archetypus und Spiegel der Seele

aum ein Tier verkörpert die Ambivalenzen der Moderne so vollkommen wie die Katze. Zwischen Sinnlichkeit und Distanz, zwischen Natur und Kultur, zwischen Haus und Wildnis bewegt sie sich wie eine lebendige Metapher für die ästhetischen und psychologischen Umbrüche um 1900.
In der Ära des Fin de Siècle, des Jugendstils (Art Nouveau), des Symbolismus und frühen Expressionismus wurde die Katze zu einem immer wieder aufgegriffenen Symboltier: elegant, geheimnisvoll, verführerisch, aber auch unnahbar – eine Projektionsfläche des modernen Ichs, das sich im Spannungsfeld von Instinkt und Intellekt neu definierte.
Avantgarde, Ornamentik und Sinnlichkeit: die Katze als animalische Muse
Die Jahrhundertwende war ein Zeitalter des ästhetischen Aufbruchs. Die Künstler suchten die Verschmelzung von Kunst und Leben, von Linie und Bewegung. In diesem neuen Weltgefühl fand die Katze ihren idealen Platz: als Symbol des Geschmeidigen, des intuitiv Schönen, des Unergründlichen.
Im Pariser Fin de Siècle avancierte sie durch Théophile-Alexandre Steinlen zum Emblem der Bohème. Der gebürtige Schweizer und überzeugte Wahl-Pariser war ein bekennender Katzenfreund. Als Chronist des Montmartre zeichnete er seine geliebten Tiere in unzähligen, lebensnahen Posen – doch zum ikonischen Werk wurde sein berühmtes Plakat Le Chat Noir (1896) für das gleichnamige Kabarett. Die darauf zu sehende stilisierte schwarze Katze symbolisierte das Verruchte, das Künstlerische, das Unkonventionelle. Steinlens berühmtes Sujet ist nicht nur ein Tier, sondern eine Haltung: selbstbewusst, elegant, geheimnisvoll – das animalische Pendant zur künstlerischen Unabhängigkeit der Zeit.
Im selben Pariser Milieu wirkte Henri de Toulouse-Lautrec. Seine Welt war die der Bars und Bordelle, die er samt deren Protagonisten wie Huren und Clochards mit schonungsloser, aber auch empathischer Beobachtung festhielt. Die Katze ist bei ihm zwar nicht zentrales Motiv, taucht aber in seinen Zeichnungen und Lithografien gelegentlich als Randfigur auf, als unauffälliger, stiller Beobachter der menschlichen Tragödien und Exzesse der Pariser Halbwelt. Als Tier der Nacht, das sich im Schatten bewegt, fungiert sie als Spiegelbild jener Subkultur, die Toulouse-Lautrec dokumentierte.
Ein gänzlich anderer Künstler der Zeit war der Wiener Gustav Klimt. Obwohl er Katzen liebte, selbst mehrere hielt und – wie auf zeitgenössischen Fotografien gut dokumentiert ist – zuließ, dass sie ihm beim Malen oft Gesellschaft leisteten, integrierte er sie nie als Motiv in seine ornamentalen goldenen Bildwelten. Bei Klimt war die Katze dennoch Teil eines künstlerischen Kosmos des Geheimnisvollen und Verruchten, das die Wiener Secession so prägte: Es sind viele Anekdoten erhalten, die beschreiben, wie Klimts Katzen Chaos in seinem Atelier anrichteten, seine Skizzen verknitterten oder zerrissen. Klimt soll dies aus Liebe zu den Tieren toleriert und sogar ironisch bemerkt haben, dass Katzenurin das beste Fixativ für seine Zeichnungen sei.
Auch in der dekorativen und figurativen Kunst kam das Motiv der Katze vielfach zur Anwendung. Die beiden bedeutendsten französischen Meister des Jugendstils, René Lalique und Émile Gallé gestalten die Katze als geschliffenes, gläsernes oder emailliertes Wesen: zugleich Naturform und Luxusobjekt. Bei Gallé taucht das Katzenmotiv besonders in seinen frühen Keramik-Arbeiten sowie in einigen Möbelintarsien auf – oft humorvoll und künstlerisch stilisiert. Lalique, der sich auch einen Namen als Schmuckdesigner des Art Noveau machte und sich später stärker dem Art Decó zuwendete, gestaltete Katzen sowohl als Glas-Figurinen als auch als bildnerisch-ornamentale Elemente in Colliers. Diese „ästhetisierte Katze“ ist bei beiden Künstlern nicht mehr wild, sondern veredelt – und wird als Metapher der Verschmelzung von Kunst und Leben, Kultur und Natur zu einem Gesamtkunstwerk.
Die Katze fungierte somit als animalische Muse, die nicht nur die Ästhetik der geschwungenen Linie belebte, sondern bereits auch eine psychologische Tiefe andeutete: die Verbindung des Sinnlichen mit dem Instinktiven.

Le Chat noir, Plakat 1896

Gustav Klimt, Portrait mit Katze

Zwei Katzen. Pochoir auf Seide. 61,5 x 35,4 cm.
Vom Ornament zum Spiegel der Seele: die Katze in Symbolismus und Décadence
In seinem berühmten Lyrik- Band Les Fleur du mal (1857) eröffnete Charles Baudelaire mit dem Gedicht Les Chats den Weg für die moderne Katzenmetaphorik. Die Katze ist bei ihm weder Haustier noch Allegorie, sondern Verkörperung der sinnlichen, geheimnisvollen und autonomen Schönheit, die dem Dichter verwandt ist:
„Les amoureux fervents et les savants austères / Aiment également, dans leur mûre saison, / Les chats puissants et doux, orgueil de la maison.“
„Die leidenschaftlichen Liebenden und die ernsten Gelehrten lieben gleichermaßen die mächtigen, sanften Katzen, den Stolz des Hauses.“
Charles Baudelaire
Baudelaire erhebt hier die Katze in den Rang einer ästhetischen Verbündeten des Künstlers: unabhängig, introvertiert, schön, manchmal grausam – ein Wesen, das zugleich der Vernunft entzogen und der Schönheit verpflichtet ist. In der Décadence und im Symbolismus wurde dieses Motiv zum Ausdruck der inneren Zerrissenheit des modernen Menschen.
In der symbolistischen Malerei waren vor allem Großkatzen wie Tiger, Löwen und Leoparden beliebte Motive und fungierten oft als Symbol für die ungezähmte Natur, das Sündhafte und den Frauentypus der Femme fatale. Eines der berühmtesten Beispiele ist das Bild Die Sphinx (1896) des belgischen Symbolisten Fernand Khnopff: Hier verschmilzt der Körper einer Frau mit dem eines Leoparden zu einer Chimäre. Das surreale Mischwesen schmiegt seinen Kopf zärtlich an den eines jungen Mannes und verströmt eine Atmosphäre von Verführung und Gefahr. Auch in den machtvollen Bildern des deutschen Symbolisten Franz von Stuck finden sich Löwen und Tiger häufig als Symbole für Kraft, Leidenschaft und ungebändigte Natur.
In der Literatur der Decadence begegnet uns die Katze auf ähnliche Weise: Im die Epoche prägenden, bekanntesten Werk des französischen Schriftstellers Joris-Karl Huysmans , À rebours (Gegen den Strich, 1884) erscheint die Katze als exotisches Geschöpf, das als Begleiter des Protagonisten dessen Dekadenz widerspiegelt.
Edgar Allen Poes bekannte Kurzgeschichte The Black Cat (1843) entstand zwar bereits vor der Hochphase des Jugendstils, wirkte aber in ihrer Darstellung der Katze als diabolisches oder geheimnisvolles, dem Protagonisten seelenverwandtes Wesen direkt in die literarische Stimmung der Jahrhundertwende hinein. Die Katze, die bei Poe als dämonisch-unheimliches Tier Schuld und Trieb verkörpert, war Vorbild jener morbiden, nach Abgründen suchenden Literatur der Jahrhundertwende, die sich vom rationalen Realismus abwandte.
Die symbolistische Katze ist – anders als noch in Biedermeier und Impressionismus – kein possierliches Haustier, sondern ein Seelenspiegel, ein Medium des Unbewussten, das die dunklen, verdrängten Schichten des Selbst sichtbar macht.
Ganz im Geiste dieser Zeit, die sich den unsichtbaren und verborgenen Dingen hinter der Oberfläche zuwandte, stand auch das Aufkommen der Tiefenpsychologie.


Die Katze in der Tiefenpsychologie: Archetyp und Schatten
Um 1900 kam durch Sigmund Freud die Psychoanalyse auf, die sich zentral mit dem Unbewussten, den verdrängten Trieben und Wünschen des Menschen befasste. Im Zuge von Freuds Traumsymbolik erhielt auch die Katze eine neue Bedeutungstiefe. Sein Schüler C. G. Jung entwickelte diese weiter: in seiner Typologie symbolisiert sie – ähnlich wie im Symbolismus – den Schatten – jene animalischen, instinktiven Aspekte der Psyche, die der moderne Mensch zu unterdrücken versucht. Ihre Unabhängigkeit, ihr lautloses Beobachten, ihre geheimnisvolle nächtliche Aktivität spiegeln jene seelischen Kräfte, die außerhalb rationaler Kontrolle wirken.
In der Symbolik von Psychoanalyse und Literatur verkörpert die Katze auch jene weibliche Autonomie, die schon in Symbolismus und Decadence als Femme fatale Gestalt annahm. Schriftstellerinnen wie Colette, die in La Chatte (1933) die Rivalität zwischen einer Frau und einer Katze als Allegorie weiblicher seelischer Konflikte schildert – machten die Katze zum Sinnbild einer neuen, selbstbewussten Weiblichkeit.
In der Perspektive Freuds, Jungs sowie in der zeitgenössischen Lyrik und Prosa wird die Katze somit zum Archetyp des Instinktiven und Sinnlichen, aber auch des Intuitiven – und somit zum metaphorischen Element der Wiederentdeckung der animalischen Ganzheit des Menschen.
Jenseits des Dekorativen: das Katzenmotiv im Expressionismus
Im Expressionismus verliert die Katze fast gänzlich ihre dekorative Funktion und wird zur komplexen Allegorie und Metapher.
Der vielseitige schweizerisch-deutsche Expressionist, Kubist und Surrealist Paul Klee integrierte in seinen Bildern die Katze als „Zeichenform“ und als Schnittstelle zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt. Seine Katzen sind in Linien gegossene Träume: magisch, reduziert, humorvoll, kindlich und zugleich mit einem wesenhaft präzisen Ausdruck, der feine Beobachtung bezeugt. Klee, dessen Katzenliebe gut dokumentiert ist und der selbst mehrere Samtpfoten hielt, zeichnete, malte und fotografierte sie immer wieder. Sie tauchen bei ihm auch in Miniaturen, Aquarellen und Skizzenbüchern auf. In persönlichen Notizen beschreibt Klee Katzen als „Wesen zwischen Anmut und Ironie“, was gut zu seinem eigenen Sinn für das Spielerische und Poetische passt.
Der Münchner Expressionist Franz Marc, Mitbegründer der Künstlergemeinschaft „Der Blaue Reiter“ war einer der bedeutendsten Tiermaler des Expressionismus. Für ihn waren Tiere Träger einer reinen, unverdorbenen, geistigen Natur, im Gegensatz zur von ihm als dekadent empfundenen modernen Zivilisation. Er sah Tiere – auch Katzen – als metaphysische Wesen, die eine unmittelbare, intuitive Verbindung zum „Wesen der Welt“ hätten. Katzen fand er besonders interessant, weil sie aus seiner Sicht Ruhe, Natürlichkeit, Anmut und eine fast mystische Wachsamkeit verkörperten.
Sein Bild Katze hinter einem Baum (1910) ist eines der zärtlichsten Tierbilder Marcs und entstand relativ früh in der Übergangsphase des Künstlers vom naturalistischen Jugendstil zum abstrakteren Expressionismus. Die in harmonisch geschwungenen Linien gezeichnete, eingerollt liegende Katze verschmilzt harmonisch mit dem Hintergrund der Landschaft – ganz im Sinne von Marcs Idee einer Einheit aller Geschöpfe mit der Natur. Bei Marc vermengen sich Tierisches und Spirituelles in einer farbsymbolisch aufgeladenen Vision, die den Menschen nicht über das Tier, sondern neben es stellt. Die Katze, als reine, intuitive Seele wird hier zum Medium des Transzendenten, das auf eine tiefere, universelle Ordnung verweist.
Der russisch-französische Maler Marc Chagall führt dieses Motiv in eine neue Dimension. In seiner traumhaften, schwebenden Bildwelt erscheinen Katzen als Seelenführer und als Inkarnationen der kindlichen Fantasie. Als oft übergroße, menschlich anmutende oder fliegende Wesen überwinden sie die Grenze zwischen Realität und Traum.
Ähnlich wie im Symbolismus und bei C. G. Jung wird die Katze bei Chagall zur Brücke zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen nostalgischer Erinnerung (vor allem an die Kindheit in seinem russischen Dorf) und Mythos – und damit zu einem poetischen Archetyp.

Katze von Paul Klee, 1937

Drei Katzen von Franz Marc, 1913

Katze und Vogel (Cat and bird) Paul Klee, 1928. Öl und Tusche.

Kinderbild (Katze hinter einem Baum) von Franz Marc, 1911
Nachhall in der Gegenwart
Die Symbolik der Katze aus dem Fin de Siècle wirkt bis in die Gegenwart fort – in ästhetischen Formen ebenso wie in psychologischen und kulturellen Deutungsmustern. Die geschwungenen Linien des Jugendstils begegnen uns auch heute in diversen Designs: ob in Grafik, Schmuck, Mode und sogar in der Tattoo-Kunst – das stilisierte Katzenmotiv als Emblem organischer Schönheit ist nach wie vor präsent. Noch immer spürt man darin mitunter den Gedanken des Gesamtkunstwerks, jenen Wunsch nach einer harmonischen Verbindung von Natur und Kunst, der um 1900 so prägend war.
Gleichzeitig hat die Popkultur das ikonische Erbe dieser Epoche absorbiert und transformiert. Steinlens Le Chat Noir, einst Sinnbild der Pariser Bohème, ist längst zu einem globalen Zeichen künstlerischer Freiheit geworden. Es taucht in Café-Interieurs ebenso auf wie in Modekollektionen, Postkarten oder Internet-Memes – ein Motiv, das trotz seiner unzähligen Reproduktionen nichts von seiner ironischen Eleganz und Strahlkraft verloren hat.
Parallel dazu hat sich im psychologischen Bewusstsein der Gegenwart eine Haltung durchgesetzt, die der katzenhaften Autonomie bemerkenswert ähnelt. In einer Gesellschaft, die Selbstbestimmung, emotionale Integrität und individuelle Grenzen immer stärker betont, dient die Katze – ob bewusst oder unbewusst – als Modellfigur eines selbstgewählten Rückzugs und innerer Freiheit. Sie verkörpert das Recht darauf, sich der ständigen Verfügbarkeit zu entziehen, und spiegelt damit jene Werte wider, die durch die psychologische Revolution der Jahrhundertwende erstmals ins Zentrum rückten.
So lebt im heutigen viralen Kult der Katze ein Echo der Seele des Fin de Siècle fort. Ihre Popularität zeugt von einer ungebrochenen Faszination für das Rätselhafte, Instinktive und Unverfügbare. Die Katze bleibt ein zeitloses Symbol: ein stiller Spiegel des Selbst, in dem sich die ästhetischen Träume und psychologischen Sehnsüchte der Moderne bis heute brechen.

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