Die schwarze Katze – Ein Schattenwesen zwischen Faszination und Aberglauben

aum ein Tier vereint in sich eine solche Bandbreite an widersprüchlichen kulturellen Zuschreibungen wie die schwarze Katze. Sie ist der Inbegriff des Aberglaubens und Symbol der Ambivalenz. Ein faszinierendes Wesen, das seit Jahrtausenden durch Mythen und Legenden schleicht und sich inzwischen auch in der Populärkultur einen festen Platz erobert hat. Ihr glänzendes, pechfarbiges Fell und ihre daraus hervorleuchtenden gelben oder grünen Augen verleihen ihr eine geheimnisvolle Aura, die im Laufe der Kulturgeschichte verschiedenste Assoziationen hervorrief: das Spektrum reicht von zauberhafter Anziehung bis hin zu irrationaler Furcht.
Uralte Verehrung und mittelalterliche Verdammung
Die ambivalente Symbolik der schwarzen Katze ist kulturgeschichtlich tief verwurzelt. Schon im Alten Ägypten genossen Katzen – und damit auch die schwarzen – höchste Verehrung. Sie galten als irdische Erscheinungsform der Göttin Bastet, der Beschützerin von Haus, Familie und Leben. Bastet wurde oft als Frau mit Katzenkopf dargestellt – anmutig, wachsam, friedvoll und zugleich unberechenbar. Eine Katze im Haus galt als gutes Omen: Sie schützte Vorräte vor Nagetieren, aber auch das Heim vor bösen Geistern. Besonders die schwarze Katze wurde als Wächterin der Nacht angesehen – ein Wesen, das in der Dunkelheit sah, wo der Mensch blind blieb, und so das Wissen um das Verborgene verkörperte.
Mit dem Aufstieg des Christentums wandelte sich dieses Bild grundlegend. Im mittelalterlichen Europa geriet die Katze zunehmend unter Verdacht, ein dämonisches Tier zu sein – eine Begleiterin dunkler Mächte. Ihre nächtliche Lebensweise, ihre Unabhängigkeit und die scheinbar unergründlichen Augen passten nicht in ein Weltbild, das Licht mit Gutem und Dunkelheit mit Bösem gleichsetzte. Besonders die schwarze Katze, die im Schatten nahezu verschwinden kann, wurde zur Projektionsfläche tiefsitzender Ängste.
Die päpstliche Bulle Vox in Rama (1233), erlassen von Gregor IX., brachte die schwarze Katze offiziell mit dem Teufel in Verbindung. Damit erhielt die Vorstellung von der „dämonischen Katze“ kirchliche Legitimität. In der Folge wurden Frauen, die Katzen hielten oder zu ihnen Zuneigung zeigten, verdächtigt, mit finsteren Kräften im Bund zu stehen. So verschmolz die schwarze Katze mit dem Hexenbild – als magisches Werkzeug, als Vertraute oder gar als Gestalt der Hexe selbst.
In manchen Regionen glaubte man, Hexen könnten sich neunmal in eine schwarze Katze verwandeln – ein Motiv, das vermutlich zur Legende von den „neun Leben“ der Katze beitrug. Sie verkörperte die Kraft der Wiederkehr, der Verwandlung und des Überlebens – archetypische Themen, die das menschliche Verhältnis zu Leben und Tod tief berühren. Selbst in Zeiten finstersten Hexenglaubens blieb damit die Erinnerung an die alte Vorstellung erhalten, dass die schwarze Katze ein Wissen bewahrt, das älter ist als jede Dogmatik: ein Wissen um die Balance zwischen Schutz und Gefahr, zwischen Leben und Jenseits.
Schatten und Spiegel: Die psychologische Dimension
Die Verteufelung der schwarzen Katze war mehr als ein religiöses oder soziales Phänomen – sie war auch ein psychologisches. Die Projektion des Bösen auf das Dunkle, Weibliche und Instinktive spiegelt eine kollektive Angst vor den unkontrollierbaren Kräften des eigenen Inneren wider.
In der antiken Welt stand die Dunkelheit für das Fruchtbare, das Unbewusste, das Geheimnisvolle – für jenen schöpferischen Urgrund, aus dem das Leben kommt. Im christlich-mittelalterlichen Denken hingegen wurde das Dunkle zum Sitz des Bösen erklärt. Damit geriet auch die schwarze Katze in das Odium der Verdammung: Sie verkörperte all das, was aus dem Bewusstsein verdrängt werden sollte – Sinnlichkeit, Unabhängigkeit, Intuition und weibliche Macht.
In der Sprache der Tiefenpsychologie könnte man sagen: Die schwarze Katze wurde zum Schatten im Sinne C. G. Jungs – zum Symbol jener verdrängten seelischen Bereiche, die der Mensch fürchtet, obwohl sie Teil seiner selbst sind. Ihr lautloser Gang, ihre undurchdringliche Ruhe und ihre plötzliche Wachheit machen die schwarze Katze zu einem Sinnbild des Unbewussten selbst.
Darum ruft sie zugleich Faszination und Furcht hervor. Sie erinnert uns an das, was in unserem Inneren verborgen liegt, an die schöpferische Kraft des Dunklen, das wir kulturell lange verleugnet haben. Aus dieser Perspektive ist die schwarze Katze weniger ein dämonisches Wesen als ein psychischer Archetyp – ein Sinnbild der Integration jener Anteile, die jenseits der Vernunft liegen, aber zur Ganzheit des Menschen gehören.
Aberglaube und altes Wissen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten
Der wohl hartnäckigste abendländische Aberglaube besagt, dass eine schwarze Katze jedem Unglück bringt, dessen Weg sie kreuzt – insbesondere, wenn sie dies von links tut. Diese Vorstellung wurzelt in der europäischen Polarität von „rechts“ (recht, richtig) und „links“ (sinister, unheilvoll). Doch diese negative Deutung war keineswegs universell.
In Japan etwa galten schwarze Katzen seit jeher als Glücksbringer. Die berühmte Maneki Neko, die winkende Katze, ist oft schwarz und soll böse Geister fernhalten. Manche Japanerinnen halten schwarze Katzen im Glauben, sie zögen Verehrer an – ein bemerkenswert positiver Gegensatz zur europäischen Hexenassoziation.
Auch in Großbritannien und Irland galten schwarze Katzen vielerorts als gutes Omen. Seefahrer hielten sie an Bord, um Stürme abzuwehren und eine sichere Heimkehr zu gewährleisten. In walisischen Volksliedern heißt es sogar:
„A black cat, I’ve heard it said, / Can charm all ill away, / And keep the house wherein she dwells / From fever’s deadly sway.“
Eine schwarze Katze, so hört man sagen, vermag alles Unheil zu bannen, und hält das Haus, in dem sie wohnt, fern von des Fiebers tödlichen Flammen.
Walisisches Volkslied
In fast allen Kulturen aber erscheint die schwarze Katze als Schwellenwesen – als Wächterin zwischen den Welten, als Symbol des Übergangs. In Europa oft als unheilvoll, in Asien meist als segensreich. Die Farbe Schwarz wurde fast immer auch mit dem Jenseitigen und dem Geheimnisvollen, verbunden – manchmal bedrohlich, manchmal beschützend.
Ein Bogen in die Gegenwart: Popkultur und Folklore
Die Doppeldeutigkeit der schwarzen Katze begegnet uns im modernen Kontext auf vielfältige Weise: ob in Halloween-Dekorationen, in Comics, Filmen, Literatur und Kunst – ob als Gruselklischee oder als ironisch gebrochene Figur.
Zu Halloween, dem Fest, in dem sich christliche Feiertage, keltische Samhain-Bräuche und amerikanische Popkultur vermischen, gehört die schwarze Katze selbstverständlich dazu. Neben Hexe und Kürbis ist sie ein omnipräsentes folkloristisches Symbol für Magie, Nacht und Geister. Erschreckender Weise gibt es immer wieder Fälle, wo schwarze Katzen als Halloween-Requisit missbraucht werden. In manchen Tierheimen werden aus diesem Grund im Oktober keine schwarzen Katzen zur Adoption freigegeben.
Auch Film und Literatur haben die düstere Faszination um die schwarze Katze immer wieder ausgeschöpft:
So Edgar Allen Poes berühmte Kurzgeschichte „Die Schwarze Katze“ (The Black Cat, 1843), in der die Katze „Pluto“ als zentrales Element einer beklemmenden Erzählung über Schuld, Wahnsinn und Rache aus dem Jenseits fungiert. Poes Erzählung verarbeitet das Urbild der Katze als Zeugin des Bösen und Rachegeist.
Einen ähnlich düsteren Part hat auch der – zwar nicht ganz schwarze aber doch dunkle – graublaue Kater Church in Stephen Kings Gruselklassiker „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983): nach seiner posthumen Wiederbelebung wird er durch dunkle Mächte zum unheimlichen, bösen Wesen, das eine Kette des Verderbens auslöst.
Zum positiven, wenngleich subversiven, kulturellen Symbol wurde die schwarze Katze als „Chat Noir“ im Paris des Fin de Siecle. Das 1881 gegründete Kabarett Le Chat Noir war der Treffpunkt der Pariser Bohème und Künstleravantgarde. Das berühmte Plakat von Théophile Steinlen mit dem stilisierten, majestätischen schwarzen Kater wurde zum Logo dieser rebellischen Gegenkultur und des künstlerischen Geistes. Die Chat Noir symbolisiert die Eleganz der Nacht, das Unkonventionelle und die kreative Freiheit – ein heute in der Popkultur vielfach reproduziertes, ikonisches Motiv, das die affirmative und ästhetische Seite der schwarzen Katze hervorhebt.
In Filmen und Serien jüngerer Zeit wird die Ambivalenz der schwarzen Katze häufig ironisch gebrochen. So etwa in der Netflix-Serie Sabrina (2018–2020), in der die schwarze Katze Salem – ursprünglich ein dämonischer Begleiter – sich zum selbstbewussten, humorvollen und loyalen Schutzgeist wandelt und die finstere Symbolik seiner Farbe spielerisch unterläuft. Auch im Animationsfilm Kiki’s Delivery Service („Kikis kleiner Lieferservice“, 1989) wird der schwarze Kater Jiji als liebenswerter, leicht ängstlicher, aber treuer Gefährte einer jungen Hexe dargestellt – und so zur Identifikationsfigur und zum Sympathieträger.
In der Gegenwartskultur ist die schwarze Katze längst mehr ist als ein Omen des Unglücks: Sie steht für Eigenständigkeit, Witz und den Bruch mit überlieferten Ängsten – und damit für eine Neuinterpretation alter Mythen.
Charakter und Fellfarbe: Moderne Zuschreibungen
Abseits des Aberglaubens beschäftigen sich auch populärwissenschaftliche Studien und Tierpsychologen mit der Frage, ob ein Zusammenhang zwischen der Fellfarbe der Katze und ihrem Charakter besteht. Zwar gilt ein solcher Zusammenhang wissenschaftlich als kaum belegt, doch in Beobachtungen und Umfragen halten sich bestimmte Zuschreibungen erstaunlich beständig. Bei schwarzen Katzen finden sich dabei häufig folgende Charaktereigenschaften:- Anhänglichkeit und Loyalität: Schwarze Katzen gelten gegenüber ihren Bezugspersonen als besonders anhänglich und verschmust, sobald sie Vertrauen gefasst haben. Ihre Zuneigung wirkt oft tiefer und stiller, fast kontemplativ.
- Misstrauen und Scheu: Fremden gegenüber zeigen sie sich meist vorsichtiger, als wollten sie die Absichten anderer erst „lesen“. Dieses Verhalten wird gelegentlich als Ausdruck besonderer Sensibilität gedeutet – als feiner Wahrnehmungssinn, der über das Offensichtliche hinausreicht.
- Neugier und Verspieltheit: Trotz ihrer anfänglichen Zurückhaltung zeichnen sie sich durch eine starke Neugier aus, die sie schnell zum Erkunden und Spielen anregt. Ihr Verhalten wirkt dadurch oft zugleich überlegt und lebendig – wie eine kontrollierte Form der Abenteurlust.
- Intuition und Wahrnehmung des „Unsichtbaren“: Viele Halter berichten, dass schwarze Katzen auf Stimmungen, Spannungen oder Veränderungen in der Umgebung besonders sensibel reagieren. Solche Beobachtungen knüpfen an alte Glaubenssätze an, nach denen die schwarze Katze eine „Schwelle“ zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt bewohnt.
- Ruhepol und Schutzwesen: Ihre dunkle Erscheinung, die Licht absorbiert statt es zu reflektieren, wurde in magischen Traditionen oft als Symbol der Aufnahmefähigkeit verstanden – der Fähigkeit, Negatives zu „verschlucken“ und damit zu neutralisieren. Dieses Bild lebt bis heute in populären Deutungen fort, die schwarzen Katzen eine schützende, erdende Präsenz zuschreiben.
- Symbol innerer Souveränität: In der kulturpsychologischen Betrachtung erscheint die schwarze Katze häufig als Verkörperung des Unabhängigen, Unbeirrbaren – eines weiblich kodierten Archetyps, der zugleich nährt und sich entzieht. Ihre Dunkelheit ist hier kein Zeichen des Bösen, sondern Ausdruck des Unbewussten, des schöpferischen Potenzials, das aus der Tiefe kommt.
Resümee: Zwischen Licht und Schatten
Die schwarze Katze ist ein Spiegel der menschlichen Seele – ein Wesen, das uns seit Jahrtausenden begleitet und doch nie ganz fassbar wird. Ihre Geschichte ist die Geschichte unserer wechselnden Sicht auf das Dunkle: von der heiligen Begleiterin der Göttin Bastet zur dämonisierten Gefährtin der Hexe, von der unheimlichen Omenbringerin zur charmanten Figur der Popkultur.
In ihr verdichten sich Archetypen, Ängste und Sehnsüchte. Sie verkörpert die Spannung zwischen Ordnung und Instinkt, zwischen Angst und Faszination, zwischen Verdammung und Verehrung. Vielleicht liegt ihre anhaltende kulturelle Kraft gerade darin, dass sie uns an etwas erinnert, das wir vergessen wollen: dass das Dunkle, das Geheimnisvolle und das Unkontrollierbare nicht Feinde des Lichts sind, sondern seine notwendige Ergänzung.
So bleibt die schwarze Katze, in all ihrer lautlosen Präsenz, ein Symbol für das Unaussprechliche. Für jene stille, tiefe Dimension des Lebens, die sich weder bannen noch zähmen lässt.

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