
s gab eine Zeit, da war das Katzengejammer lediglich ein Ärgernis. Ein dissonanter Schrei in der samtenen Stille der Nacht, ein unmelodisches Geplärre, das uns unweigerlich aus den süßesten Träumen riss. Doch wie so oft in der Geschichte der Kultur, wurde das Negative zum Positiven, die Dissonanz zur Melodie und das Gemaunze zum musikalischen Rohstoff der Stunde. Willkommen im goldenen Zeitalter der Fellnasen-Fusion, in dem Katzen zu Maestros mutieren und das Internet als ihre Konzerthalle fungiert. Wir ertragen nicht mehr zähneknirschend die Lautkapriolen unserer Stubentiger, wir lauschen mit Genuss ihren Gesangskünsten.
Von der Katzenmusik zur Kammerphilharmonie
Was uns einst nur die Nerven raubte, hat sich zum Fundament einer neuen, eigenwilligen Musikrichtung entwickelt. Das Prinzip ist so simpel wie genial: Man nehme die zufälligen Vokalisationen von Katzen und anderen Tieren, isoliere die Klänge und arrangiere sie zu vollwertigen Songs. Die Künstler dieser neuen Avantgarde sind keine ausgebildeten Komponisten im klassischen Sinne, sondern vielmehr Klang-Alchemisten, die das vermeintlich Banale in etwas Außergewöhnliches verwandeln. Sie sind Kuratoren des Ungehörten, die das verborgene musikalische Potenzial, das jedem Schnurren, jedem Fauchen und jedem sehnsüchtigen Miauen innewohnt, ans Tageslicht bringen.
Obwohl das Phänomen der Tierstimmen-Samples von Papageien über Hunde bis hin zu Meerschweinchen reicht, sind es die Videos mit Katzen, die eine ganz besondere Anziehungskraft haben. Vermutlich liegt das an der unvergleichlichen Nuancenvielfalt und Ausdruckskraft ihrer Stimmen. Anders als das oft monotone Bellen eines Hundes oder das Piepsen eines Nagers besitzen Katzen eine schier unendliche Bandbreite an Lauten – vom sanften Gurren über das fordernde Miauen bis hin zum theatralischen Geplärre. Diese stimmliche Variabilität, gepaart mit ihrer einzigartigen Fähigkeit, ihren „Gesang“ durch eine ausdrucksstarke Mimik zu unterstreichen, macht sie zu den perfekten viralen Superstars. Ihre Gesichter erzählen Geschichten von komischer Entrüstung bis hin zu tiefster Melancholie.
Der Maestro und die Muse: The Kiffness und seine vierbeinigen Stars
Unbestrittener Star und Wegbereiter dieses Phänomens ist zweifellos David Scott, besser bekannt als „The Kiffness“. Der südafrikanische Musiker wurde zu einem globalen Phänomen, indem er unzählige Hits erschuf, die sich auf YouTube und TikTok in Windeseile verbreiteten. Seine Arbeit ist eine meisterhafte Symbiose zwischen tierischem (Vokal-)Ausdruck und menschlicher Kreativität, bei der das Tier zur musikalischen Muse und zum Gesangs-Interpreten gleichermaßen wird.
Wie The Kiffness in Interviews immer wieder erklärt, ist seine Arbeitsweise eine Art musikalisches Glücksspiel. Er sucht in den unendlichen Weiten des Internets nach den perfekten tierischen „Vocal Performances“. „Es geht darum, dieses eine, perfekte Sample zu finden“, so Scott. „Manchmal stolpere ich über ein Video, in dem ein Tier etwas so Ungewöhnliches tut, dass ich sofort weiß: Das ist es!“ Scott lädt die Videos herunter, isoliert das Miauen, Gurren oder Jaulen und bearbeitet es digital, um es zu verfeinern, zu pitchen und in den richtigen Takt zu bringen. Aus einem rohen, zufälligen Laut entsteht so eine saubere, melodische Spur, um die herum der Multiinstrumentalist Scott dann eine komplette Instrumentalbegleitung aus House-Beats, Funk-Basslines oder melancholischen Klavier- und Trompeten-Akkorden baut.
Ein Beispiel für diese künstlerische Magie ist sein Song „Let me in“, der auf den herzzerreißenden Klängen des Videos einer Katze basiert, die vor einem Fenster miaut, hinter dem eine andere Katze in einem Körbchen liegt. Wie in jedem seiner Songs verleiht David Scott diesem Lied besondere Tiefe und Humor, indem er sich in die Rolle der Katze hineinversetzt und mit seiner Begleitlyrik eine Geschichte um die Szene spinnt. Dadurch gewinnen seine Samples eine emotionale Dimension, die viele berührt.
Besonders berühmt wurde der Song „I go meow“, den The Kiffness aus einem Videomitschnitt der Katze Cala, die mittlerweile leider verstorben ist, bastelte. Ihr ruppiges, proklamierendes Miauen, kam – zusammen mit Calas expressiver Mimik – den englischen Worten „I go meow“ so nahe, dass Menschen auf der ganzen Welt voller Entzücken das Video der kleinen roten Katze und später die Kompilation von Scott teilten.
Ein weiterer Hit wurde auch das Video „Sometimes I´m alone“, in dem ein besonders kommunikativer junger Kater genau diese jammervollen Worte zu miauen scheint, während er einsam im Flur sitzt. Auch hierzu erfand The Kiffness eine anrührend-komische Geschichte, die er in seine Vertonung geschickt einwob und so einen Song schuf, der auf YouTube und anderen Kanälen millionen von Clicks generierte.
Mit seiner Fähigkeit zur liebevollen Einfühlung in die Gefühlsregungen von Tieren und seiner musikalischen Genialität schuf Scott ein Phänomen, das auf große Resonanz stieß und gewissermaßen einen Gegentrend zum Popstarkult losbrach: Haustiere als die wahren Stars. The Kiffness füllt mit Live-Darbietungen seiner Musik mittlerweile weltweit Konzerthallen, bei denen Fans Feuerzeug- und LED-Lichter schwenkend seine Hits mitsingen.
Ein neues Musik-Genre macht Schule
The Kiffness mag der bekannteste Vertreter dieses neuen Musik-Genres sein, doch die Szene floriert. Überall in den Nischen des Internets finden sich Musiker, die mit Tierstimmen experimentieren. Da ist beispielsweise der Produzent, der aus dem rhythmischen Schnurren einer Katze einen hypnotischen Ambient-Soundtrack baut, der perfekt zum Einschlafen geeignet ist. Oder die Band, die das aggressive Fauchen eines Katers in ein brachiales Hardrock-Riff verwandelt. Es ist ein wildes, unübersichtliches Feld, in dem Genres und Spezies miteinander verschmelzen.
So gelangte inzwischen auch der brasilianische Musiker und Musikproduzent „AtilaKw“ mit seinen Vertonungen von Katzen- und anderen Tierstimmen zu beachtlicher Berühmtheit. Wie „The Kiffness“ setzt auch er auf Humor und Kreativität.
Es ist eine Welt, in der die Stimme des Tieres nicht länger nur ein Geräusch ist, sondern ein Instrument, das in jedem erdenklichen Stil gespielt werden kann.
Eine Evolution der Kreativität: Tiere, Menschen, Kunst und das Internet
Das Phänomen der Tierstimmen-Samples ist auch medienpsychologisch und soziologisch interessant, denn es spiegelt den einzigartigen Prozess kollektiver Kreativität wider. Musiker wie The Kiffness greifen bei ihrer Arbeit auf das zurück, was andere, meist anonyme Katzenbesitzer bereits geschaffen haben. Es sind oft Videos, die aus purer Zuneigung zum eigenen Tier ins Netz gestellt wurden, ohne jegliche künstlerische oder kommerzielle Absicht. Und doch wird aus so manch unbedarftem Video das Fundament eines globalen Hits. In gewisser Weise handelt es sich hier um die nächste Evolutionsstufe des einfachen Katzenvideos: Was einst reine Unterhaltung war – die miauende Katze, der jaulende Kater – hat sich zu einer konkreten, musikalischen und professionellen Kunstform entwickelt.
Die Zusammenarbeit von Content-Creators, Musikern und den Tieren selbst ist ein wunderbares Beispiel für die einzigartige, verbindende Kraft des Internets. Es ist ein kreativer Kreislauf, in dem die zufällige Vokalisation eines Haustieres auf der ganzen Welt von Musikern aufgegriffen, veredelt und zurück in die digitale Gemeinschaft gespielt wird. Diese Kreationen überwinden nicht nur die Grenzen zwischen Spezies und Nationalitäten, sondern auch die zwischen scheinbar alltäglich Banalem und dem, was wir Kunst nennen.
Wenn die Katze zum Künstler wird: Eine philosophische Betrachtung
Die Faszination für das Phänomen der „Katzenmusik“ berührt tiefere Fragen über unsere Beziehung zu Tieren und zur Kunst. Es ist ein faszinierendes Spiel mit der Wahrnehmung. Wir hören in einem Katzengejammer menschliche Worte, eine Melodie oder sogar eine Emotion, die in Wirklichkeit womöglich so gar nicht existiert. Wir projizieren unsere eigene musikalische und emotionale Intelligenz auf ein Tier, das vielleicht schlicht und einfach Hunger hat oder schmusen will.
Doch ist das nicht die Essenz der Kunst? Die Umdeutung des Vorgefundenen, das Schaffen eines neuen Kontextes? Wer ist der eigentliche Künstler? Ist es die Katze, die den rohen Ton erzeugt, oder der Musiker, der diesen Ton in ein Werk verwandelt? Und was sagt es über uns selbst aus, dass wir in der spontanen Äußerung einer Katze eine so tiefe Melancholie wie „Sometimes I’m alone“ erkennen?
Nicht zuletzt offenbart sich darin auch unsere tiefe Sehnsucht nach Authentizität. In einer Welt, die von Filtern, Algorithmen und Inszenierung durchdrungen ist, bietet das unverfälschte Miauen einer Samtpfote einen reinen, unschuldigen Kontrast. Wir fühlen uns von den Stimmen unserer maunzenden Lieblinge angezogen, weil sie frei sind von den Zwängen menschlicher Intentionalität und Manipulation – die tierische nehmen wir ja gerne in Kauf.
Am Ende des Tages ist es vielleicht gar nicht so wichtig, wer die Melodie ersinnt. Es ist der Akt des Zuhörens, der die größte Bedeutung hat. Es ist unsere Bereitschaft, in den alltäglichen Lauten unserer tierischen Begleiter eine musikalische Qualität und einen tieferen Sinn zu finden. Wenn wir also das nächste Mal hören, wie unsere Katze in der Küche ein forderndes „Miau!“ ausstößt, sollten wir vielleicht nicht genervt aufseufzen, sondern uns stattdessen fragen: Was ist das für ein Song? Ein Blues? Ein Walzer? Oder gar der nächste Nummer-eins-Schlager? Die Bühne ist bereitet, die Mikrofone sind an – die Katzen haben das Sagen. Wer braucht auch Grammy nominierte Popstars, wenn er eine Katze hat? Die eigentlichen „Stars“ in unserem Leben sind sie schließlich schon lange, dass sie nun auch die Hitparaden anführen, ist nur eine folgerichtige Konsequenz.

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