Purrsuit of Culture, Art, Lifestyle and Fashion for Catlovers!

Elisabeth Blankes „CATS“ – Zwischen Urform, Verfremdung und feliner Präsenz

Giselala – Elisabeth Blanke, CATS-Serie

Es gibt Kunstwerke, die man erklären kann. Und es gibt solche, die sich jeder eindeutigen Zuschreibung entziehen. Elisabeth Blankes „CATS“ gehören zur zweiten Kategorie.

„Was mich auf die Idee gebracht hat, solche Wesen zu gestalten, weiß ich nicht“, sagt sie.

Sie lacht dabei ein wenig, aber es ist kein verlegenes Lachen. Es ist das Lachen von jemandem, der mit der Herkunft seiner Ideen längst Frieden geschlossen hat. Es muss wohl eine Art „göttliche Inspiration“ gewesen sein – vom Heiligen Geist oder vielleicht gar von einer Katzengöttin. So genau kann man das nicht wissen.

Und so sind sie in die Welt gekommen, diese sonderbaren, eigenwilligen Geschöpfe. Sie thronen auf Sockeln in Galerien oder auf Blankes Wohnzimmerregalen. Einige warten noch im Atelier auf ihre Fertigstellung, denn die Ideen zu ihren Skulpturen gehen der Künstlerin nicht aus. Zwischen dreißig und vierzig Zentimeter groß, vier Beine, ein Schwanz, ein Kopf, ein Körper – aber ohne Augen, Ohren, Mund oder gar Schnurrhaare. Und dennoch sind sie in dieser reduzierten Form – wenn man möchte – unverkennbar als „Katzen“ lesbar.

Reduktion als Sprache

Den Serientitel „CATS“ hatte Elisabeth Blanke nicht von Anfang an. Er hat sich, wie vieles in ihrer Kunst, organisch ergeben.

„Es ist eigentlich für mich eine Urform vom Tier her“, erklärt sie.

Eine Urform. Das klingt beinahe mythologisch – und es passt. Denn diese Skulpturen sind keine naturalistischen Nachbildungen von Katzen, sondern deren Essenz. Der Elefant, sagt sie schmunzelnd, würde übrigens herausfallen, weil der „müsste ja den Rüssel vorne haben und hinten viel weniger Schwanz.“

Was dabei entsteht, ist eine eigentümliche Spannung zwischen Reduktion und Wiedererkennbarkeit. Eine Spannung, die nie vollständig aufgelöst, nie restlos erklärt wird. Sie steht im Raum – genau wie die Figuren selbst, die gerade dadurch eine intensive Präsenz ausstrahlen und die Aufmerksamkeit des Betrachters sofort auf sich ziehen.

Das Erstaunlichste aber ist, erzählt Blanke, dass auch Tiere auf ihre Wesen reagieren.

„Wenn Katzen in mein Atelier kamen, habe ich das immer wieder beobachtet. Meine eigene Katze hat, als sie die ersten Skulpturen sah, sofort die Vorderpfoten aufgestellt und sich völlig in den Angriffsmodus begeben, so als ob sie dachte, da macht ihr jemand das Revier streitig.“

Erst als sie die Figuren beschnupperte und merkte, dass sie sich nicht bewegten, ließ sie ab.

„Hunde, die zu Besuch kommen, verbellen die Skulpturen – auch dann, wenn der Stoffüberzug schon aufgebracht ist, wenn die Oberfläche also eigentlich alles Katzenhafte überspielt. Es ist die Grundform, die sie wahrnehmen. Die Gestalt.“

Das reduktive Prinzip wird also offenbar selbst von Tieren intuitiv verstanden.

Bewegung aus dem Zufall

Was die Skulpturen lebendig macht, ist ihre Haltung. Jede steht anders. Eine prescht vor, eine lauert, eine wendet den Kopf. Keine gleicht der anderen – und das ist keine Beiläufigkeit, sondern Programm.

Elisabeth Blanke arbeitet bei der Herstellung ihrer „CATS“ in Vierergruppen. Sie baut zunächst vier Körper, dann sechzehn Beine – und setzt schließlich zusammen, was zusammengehört. Provisorisch zuerst. Dann schaut sie, welches Bein wo am besten passt, ob ein größerer oder kleinerer Kopf besser wirkt.

„Es wird vieles dem Zufall überlassen“, sagt sie. „Die individuelle Pose, die jede Figur einnimmt, entsteht ausschließlich im Arbeitsprozess.“

Das klingt nach einem klaren Ablauf, ist es aber nicht immer. Manchmal knicken Figuren ein, weil eine Seite zu schwer wird. Manchmal beginnt man von vorne. Manchmal stecken zwei Monate Arbeit in einer einzigen Katze – verteilt über Wochen, unterbrochen von Brotarbeit und organisatorischen Aufgaben, die neben dem eigenen künstlerischen Schaffen anfallen.

Aber aus dieser Langsamkeit entsteht etwas Eigenständiges. Jede Figur entwickelt, wie Blanke sagt, ein Eigenleben. Man setzt sich nicht hin und plant eine Figur bis ins Letzte – man „entdeckt“ sie.

„Ich lasse die Dinge sich spontan entwickeln. Ich sage nicht: Das muss so aussehen.“

Dadurch gewinnt der kreative Prozess eine Eigendynamik, die selbst die Künstlerin immer wieder überrascht.

Das Gewand entscheidet

Was diese Skulpturen vor allem definiert und voneinander unterscheidet, ist ihre Oberfläche. Blankes „CATS“ tragen regelrechte „Gewänder“. Ihre Oberflächen bestehen aus unterschiedlichsten Materialien: Stoffen, Klebestreifen, Kunstleder, Plisseefalten, Spitze, Pailletten, Bändern und vielem mehr.

Der Stoff entscheidet über die Persönlichkeit der Skulptur – und diese Persönlichkeit wiederum über ihren Namen, den die Künstlerin ihren Figuren immer erst ganz am Schluss verleiht.

„Während ich die Oberfläche erarbeite, denke ich mir: Wie könnte die Figur heißen?“

Der Prozess bis zur Namensgebung ist lang. Der Entscheidung für eine Oberfläche kann bisweilen ein ganzes Jahr vorausgehen, ehe die richtige Kombination gefunden ist. Da liegt eine Stoffbahn in dunklem Kirschrot herum und wartet auf ihren Einsatz. Da findet sich graue Spitze, von der man noch nicht weiß, ob sie dazugehören wird. Da kauft man bei Komolka in der Mariahilfer Straße 80 Zentimeter Jersey, und kaum liegt er eine Woche im Atelier, denkt man: Hätte ich doch den anderen genommen.

„Mann muss das Material immer wieder kennenlernen“, sagt sie. Es klingt fast wie eine Lebensweisheit.

Die Quintessenz ihrer Skulpturen hat Blanke irgendwann klar benennen können: Es ist der Gegensatz zwischen Naturalismus und Verfremdung.

„Die Form – die Katze, die Bewegung, das Lebewesen – kommt aus der Natur. Die Oberfläche aber verfremdet, bricht, verkünstelt.“

Genau in dieser kalkulierten Artifizialtät liegt die Energie dieser Figuren.

Alchemie der Farben

Bevor die Stoffe auf den Korpus kommen, werden die Beine der Figuren bemalt. Auch das ist eine eigene Disziplin.

Blanke mischt ihre Farben selbst – aus den Grundfarben Rot, Blau und Gelb. Wenn während des Prozesses irgendwo Lack abblättert, wird nachgemischt. Aus dem Gefühl heraus trifft sie dabei erstaunlich präzise den exakten Farbton.

„Darin bin ich viel besser als der Peter“, sagt sie nicht ohne Stolz.

Die Alchemie der Farbmischung ist Blankes ganz eigene Gabe – ein Begriff, der gut zu ihrer intuitiven Herangehensweise passt.

Nomen est omen – manchmal

Die Titelnamen von Blankes „CATS“ sind eine Mischung aus Fantasie, Wortspielen, Stegreifpoesie und realem Bezug.

„Giselala“ beispielsweise hat ihren Namen von einer alten Freundin, die als Kind so genannt wurde. Blanke widmete ihr jene „CAT“, die ein Kleid aus vielen bunten Bändern trägt. Einige davon stammen von Geschenken ebenjener Freundin, die stets so kunstvoll verpackt sind, dass man sie kaum öffnen möchte. Hier wird liebevolle Zuneigung zu künstlerischer Form.

Giselala – Elisabeth Blanke, CATS-Serie
Giselala
Dark Vader – Elisabeth Blanke, CATS-Serie
Dark Vader

„Dark Vader“ hat eine ganz andere Entstehungsgeschichte. Da war ein Stoff aus schwarzem Kunstleder – plissiert, strukturiert, seltsam steif. Und kaum lag er auf der Figur, war für Blanke klar:

„Das ist Dark Vader! Mit Helm und allem.“

Der Name kam, wie so oft, von selbst.

„Rosie“ trägt einen Stoff mit Rosen. „Naheliegend“, sagt sie.

Komplexer ist die Geschichte hinter „Ottilie“. Diese frühe Figur schien ihr anfangs weniger gelungen. Den Namen hatte Blanke irgendwo im Gedächtnis gespeichert – von Ottilie von Goethe, der Schwiegertochter Johann Wolfgangs von Goethe, deren Biografie sie einst beeindruckte.

Ottilie Wilhelmine Ernestine, wie sowohl die historische Figur als auch Blankes Skulptur mit vollem Namen heißen, war eine selbstbewusste Frau, die nicht nur Ehefrau war, sondern der freien Liebe huldigte, Kontakte zu namhaften Intellektuellen und Künstlern ihrer Zeit pflegte und ihrem berühmten Schwiegervater sogar bei der Entstehung des Faust II geholfen haben soll. Warum sie diesen Namen letztlich für diese Figur wählte, weiß Blanke heute selbst nicht mehr.

„Diese Katze drückt all das gar nicht aus. In keinster Weise. Und trotzdem: Der Name passt irgendwie.“

Freie Assoziation könnte man diesen Vorgang nennen. Das Unterbewusstsein kennt Wege, die der Verstand nicht kartographieren kann.

Ottilie Wilhelmine Ernestine – Elisabeth Blanke, CATS-Serie
Ottilie Wilhelmine Ernestine
Hidi – Elisabeth Blanke, CATS-Serie
Hidi

„Hidi“ – in Anspielung auf das englische „to hide“ – ist jene Katze, die anders ist als alle anderen. Die sonst für die „CATS“ so charakteristische dynamische Form ist hier von einem rot-schwarz gemusterten Stoffumhang beinahe verborgen.

Blanke liebt solche Doppeldeutigkeiten.

„Professor Higgins“ wiederum hat etwas Häusliches.

„Er läuft in My Fair Lady ja immer in der Hausjacke herum – und an diese Gemütlichkeit erinnert mich diese Katze.“

Blanke führt auch ein Heft, „wo ich mir Namen reinschreibe für ein andermal.“ Nicht verwendete Namen werden dort archiviert, um vielleicht später zum Einsatz zu kommen. Ein Dichterinnennotizbuch für Skulpturen sozusagen.

Hier zeigt sich eine interessante Verschränkung von Wortpoesie und skulpturalem Schaffen. Durch den Namen entsteht nachträglich ein Bezug, eine Form von Aneignung.

Professor Higgins – Elisabeth Blanke, CATS-Serie
Professor Higgins

Stille Performance

In ihren expressiven Gebärden wirken Blankes „CATS“, als wäre in ihnen Bewegung nicht eingefroren, sondern eingefangen. Kann man sie insofern als eine Art stille Performance verstehen?

„Es ist schon eine Form von Performance“, sagt sie nach kurzem Nachdenken. „Aber es verändert sich ja nichts. Nur höchstens im Kopf des Betrachters.“

Genau dort aber geschieht etwas.

Die Figuren setzen Geschichten frei. Für jeden Betrachter andere. Man tritt näher, schaut – und plötzlich denkt man an jemanden, an etwas, an einen Moment, an eine Situation.

Die Haltung der Skulptur, das Gewand, die Energie: All das löst etwas aus, ohne es zu erzwingen.

„Sie sind frei von jeder Situation“, sagt Blanke.

Keine historischen Verweise, keine Botschaft, kein Zeigefinger. Einfach Präsenz.

Und doch fragt man sich, inwiefern Blankes Bühnenbildstudium und ihre frühe Arbeit im Raum, im Dreidimensionalen und in der Inszenierung in diese Figuren eingeflossen sind. Vielleicht ist jede Ausstellung, jede Anordnung der Skulpturen im Galerieraum letztlich selbst eine Inszenierung – mit Akteuren, die ihren Auftritt ganz ohne Regieanweisung kennen.

Was echte Katzen lehren

Man fragt sich, ob Katzen aus Fleisch und Blut diese Arbeit beeinflusst haben. Die Antwort ist eindeutig:

„Natürlich. Aber unbewusst, immer unbewusst.“

Da war Susi – oder Herr Susi, wie sich bald herausstellte –, eine halbwilde Katze auf Korčula, die sich nie streicheln ließ, aber gerne in den Sonnenliegen ruhte.

Da war Hoppel, ein zugelaufener Kater mit einem Defekt an der Vorderpfote. Als er bei einer Hundeattacke ums Leben kam, fiel eine Entscheidung:

„Jetzt nehmen wir uns eine eigene!“

So kam Lilly, die jahrelang mit Blanke zwischen Korčula und Wien pendelte und genau wusste, wann die Koffer gepackt wurden.

Auf der dalmatinischen Insel gibt es viele streunende oder herrenlose Katzen. Eine davon war Schecki – laut Blanke die „hässlichste Katze“, die sie je gesehen hatte – und ausgerechnet in sie verliebte sich Peter Pongratz unsterblich.

Zweimal lief sie fast dreißig Kilometer nach Hause zurück, überstand einen Winter auf Korčula und wartete kurz vor ihrem Tod, bis Peter aus dem Krankenhaus zurückgekommen war, um sich von ihm zu verabschieden, bevor sie einschlief.

Solche Geschichten hinterlassen Spuren. Nicht als Vorlage und nicht als Motiv. Sondern als tiefes Wissen darüber, was eine Katze ist. Was sie ausstrahlt. Und wozu sie fähig ist.

Kunst, die gefällt – und das Problem damit

Es gibt einen Satz, der in der Kunstwelt lange beinahe als Todesurteil galt: „Das gefällt mir.“

Wer das sagte, stand rasch im Verdacht, nichts zu verstehen. Schönheit war verdächtig. Zugänglichkeit erst recht. Blanke kennt diese Denkweise.

„Ich habe nie die Intention gehabt: je missverständlicher, je weniger definierbar, je hässlicher, desto besser. Das ist bei mir das absolute Gegenteil.“

Und sie glaubt, dass sich die Zeiten ändern. Dass ein jüngeres Publikum anders schaut, anders fühlt, weniger ideologisch gepänzert ist.

Bei der letzten Ausstellung kamen junge Leute herein und stürzten sich geradezu auf die „Katzen“. Die Bilder an den Wänden ließen sie beinahe links liegen.

Was wünscht sie sich, in den Betrachtern ihrer Skulpturen auszulösen? Sie denkt nach.

„Es ist auch so, dass ich zu manchen sage: Hallo, grüß dich. Aber zu anderen sage ich das nicht. Manche hast du lieber, manche weniger – weil sie das auch ausstrahlen.“

Sie spricht über ihre Figuren. Aber es klingt zugleich wie eine Einladung:

Komm näher. Schau hin. Lass dich darauf ein, dass dich etwas ansieht, das gar keine Augen hat. Wenn es dich anspricht, ist das gut. Wenn nicht, ebenso.

Ihre Kunst erklärt sich nicht. Sie bewahrt ein Geheimnis, das nicht preisgegeben werden will.

„Man muss nicht alles auserklären. Man muss nicht alles begreifen. Begreifen kann man Kunst sowieso nicht – man sollte sie eher intuitiv wahrnehmen, ja fühlen.“

— Elisabeth Blanke

Über die Künstlerin

Elisabeth Blanke, Künstlerin – CATS-Serie
Elisabeth Blanke
  • geboren 1954 in Graz, Österreich
  • lebt und arbeitet in Wien und auf Korčula
  • Künstlerin an der Schnittstelle von Skulptur, Bühne und Inszenierung
  • Studium Bühnenbild an der Akademie der bildenden Künste Wien, Meisterklassen bei Oswald Oberhuber und Axel Manthey an der Hochschule für angewandte Kunst
  • frühe Arbeit im Bereich Film und Theater, zunächst Kostüm, später Raum und Bühne
  • Zusammenarbeit mit Peter Pongratz
  • Schwerpunkt heute: skulpturale Arbeiten
  • Werkserie CATs seit 2021, Materialien: Gips, Textilien und Fundmaterialien
  • Themen: Körper, Bewegung, Präsenz, Fragilität und subtile Ironie

Elisabeth Blankes „CATS“ waren zuletzt in der Galerie Alt Erlaa gemeinsam mit Arbeiten von Peter Pongratz zu sehen.

Maunzig dankt Elisabeth Blanke für das ausführliche und offenherzige Gespräch.

Interesse an einer CAT?

Anfragen zu Elisabeth Blankes skulpturalen „CATS“, verfügbaren Arbeiten und Erwerbsmöglichkeiten können direkt an die Künstlerin gerichtet werden:

Kontakt: E-Blanke@gmx.at

Preisrahmen: ab 4.000 Euro

Jede Skulptur ist ein Unikat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert