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Die Fenster-Katzen von Brooklyn – Becca Snyder und die Kunst, die Katzen einer Stadt zu lesen

Vier Katzen sitzen auf der Fensterbank eines Brooklyner Hauses und beobachten die Straße

Wer durch die Straßen Brooklyns flaniert, bewegt sich selten allein. Doch über den Köpfen der Passanten, jenseits von Straßenschildern, Feuertreppen und den charakteristischen Brownstone-Häusern entfaltet sich eine eigene Welt. Auf den Fensterbänken der New Yorker Wohnungen sitzen nicht selten Katzen.

Sie beobachten das urbane Schauspiel mit jener Mischung aus Gelassenheit, Neugier und stiller Überlegenheit, die Katzen eigen ist und Katzenliebhaber sofort wiedererkennen. Manche wirken wie gelangweilte Aristokraten, andere wie strenge Hausherrn, wieder andere wie feline Philosophen. Die meisten Menschen nehmen sie – wenn überhaupt – nur für einen Augenblick wahr.

Doch die Künstlerin Becca Snyder, besser bekannt als „Becca by Hand“, hält diese flüchtigen Begegnungen fest, vertieft sie und entwickelte aus ihnen ein außergewöhnliches Kunstprojekt. Während andere Passanten weitergehen, bleibt sie stehen, schaut genauer hin, versucht die Persönlichkeiten der ihr begegnenden Katzen zu ergründen und spinnt um diese fantasievolle Geschichten.

Gemälde von vier Katzen als Mitglieder eines Birdwatching-Clubs mit Ferngläsern
Der weiße Perser als Monarch – Becca Snyder (Becca by Hand)

Die Flaneurin und die Katze am Fenster

Der französische Dichter Charles Baudelaire und später der Kulturphilosoph Walter Benjamin beschrieben den Flaneur als eine Figur der modernen Stadt: einen absichtslosen Beobachter, der durch die Straßen streift und im scheinbar Nebensächlichen die verborgenen Geschichten des urbanen Lebens entdeckt. Becca Snyder könnte man als eine Flaneurin mit speziellem Blick für Katzen bezeichnen.

Ihre Spaziergänge durch Brooklyn folgen keinem festen Plan. Sie sucht keine Sehenswürdigkeiten und keine spektakulären Motive. Ihre Aufmerksamkeit gilt den samtpfötigen Bewohnern hinter den Fenstern der Brownstones und Apartmenthäuser.

Eine Katze sitzt im dritten Stock und blickt mit unverhohlener Skepsis auf die Straße herab. Eine andere scheint über die Welt nachzudenken. Eine dritte sieht aus, als führe sie seit Jahren heimlich die Geschäfte des Viertels. Für Snyder sind diese Tiere keine zoologischen Studienobjekte. Sie sind Charaktere. Wie jeder gute Flaneur liest Becca in diesen pelzigen Stadtbewohnern zugleich auch die Stadt selbst – ihre Menschen, ihre Eigenheiten und ihre Erzählungen.

Von Steinlen bis Brooklyn

Die Geschichte der Katze in der Kunst ist seit jeher eine Geschichte menschlicher Projektionen. Die Katzen des Alten Ägypten waren für die Menschen dieser Kultur göttliche Wesen. Die Katzen des europäischen Mittelalters bewegten sich zwischen Hausgeist und Hexentier. Im 19. Jahrhundert verewigte Théophile Steinlen die Katzen von Montmartre und machte sie mit seiner ikonographischen Chat Noir zu Symbolfiguren der Pariser Bohème. Henriette Ronner-Knip wiederum schenkte den Samtpfoten des Bürgertums eine bis dahin ungekannte Individualität. Später machten Künstler wie Balthus oder Pablo Picasso Katzen ebenfalls zu wiederkehrenden Motiven ihrer Bildwelten.

Auch Becca Snyder lässt sich in dieser Tradition verorten, doch sie verleiht ihr eine zeitgenössische und zugleich zutiefst persönliche Wendung. Ihre Bilder sind keine naturalistischen Porträts, die nach fotografischer Genauigkeit streben. Vielmehr versucht sie, jene Persönlichkeit festzuhalten, die ihr in einem kurzen Augenblick entgegenzublicken scheint. Dabei lässt die Künstlerin einerseits ihrer Fantasie freien Lauf, zugleich greift sie kleine Hinweise auf, die ihr das Umfeld liefert – Pflanzen, Dekorationen, Spielzeug oder andere Gegenstände im und am Fenster –, und verbindet sie frei assoziativ zu einer neuen Geschichte.

So erhält eine süße Tigerkatze, die neben einem auf das Fensterglas geklebten gemalten Schmetterling sitzt, in Beccas Porträt selbst Schmetterlingsflügel und schwebt über einer pinken Blume. Eine edle Sphinxkatze wird zum Laufstegmodel, ein majestätisch wirkender weißer Perser zum selbstgefälligen Monarchen. Manchmal entdeckt Becca in einem Fenster mehr als eine Katze – einmal waren es gleich vier, die sich zum gemeinschaftlichen Vogelbeobachten versammelt hatten. Die Künstlerin verewigte das Gespann als Mitglieder eines distinguierten Birdwatching-Clubs, doch die Miezen treten in dieser Rolle nicht als Prädatoren sondern als Freunde und Beschützer der gefiederten Tiere auf.

Ihre Malerei arbeitet mit Übertreibung, Abstraktion und Humor. Sie verwandelt die äußere Form, um eine innere Wahrheit sichtbar zu machen. Das Ergebnis ist jedoch keine Karikatur. Es ist eine Liebeserklärung.

Die Kunst der freundlichen Übertreibung

Wer Beccas Arbeiten betrachtet, erkennt schnell, dass hier nicht die Katze als Tier im Mittelpunkt steht, sondern die Katze als Individuum.

Ihre Bilder besitzen bisweilen eine comichafte Leichtigkeit, erinnern manchmal an Kinderzeichnungen und manchmal an die expressive Freiheit moderner Volkskunst. Die Proportionen geraten aus dem Gleichgewicht, Augen werden größer, Körper runder, Gesichtsausdrücke menschlicher. Doch niemals geschieht dies auf Kosten des Tieres.

Der Humor ihrer Arbeiten ist von jener seltenen Art, die aus genauer Beobachtung entsteht. Snyder lacht nicht über ihre Modelle. Sie schmunzelt mit ihnen.

Jedes Bild scheint zu sagen: „Genau so sieht diese Katze sich und die Welt.“

Ein in Packpapier gewickeltes Gemälde mit handschriftlichem Zettel „To the owner of the cat in the first floor window", das vor eine Haustür gelegt wird
Ein fertiges Werk auf dem Weg zur Haustür der Katzenbesitzer – Becca Snyder (Becca by Hand)

Das Geschenk vor der Haustür

Der vielleicht faszinierendste Teil des Projekts beginnt jedoch erst nach dem Malen.

Ist ein Bild vollendet, kehrt Snyder an den Ort ihrer Motiv-Findung zurück. Sie klingelt nicht. Sie kündigt sich nicht an. Sie legt das fertige Werk vor die Haustür der Katzenbesitzer und verschwindet wieder. Die Geste erinnert an eine Katze, die ihrem Menschen eine erlegte Maus als Geschenk präsentiert – nur deutlich ästhetischer. Die Überraschung gehört dabei zum Konzept. Die Bilder tauchen unvermittelt auf – eine anonyme und zugleich intime Liebenswürdigkeit, die im grauen Großstadtalltag niemand erwarten würde.

In einer Zeit permanenter Selbstvermarktung wirkt diese Praxis beinahe radikal. Das Bild wird nicht verkauft. Es wird verschenkt.

Der französische Ethnologe Marcel Mauss beschrieb einst das Geschenk als eine der ältesten Formen sozialer Bindung. Genau dies geschieht hier. Aus einer zufälligen Beobachtung entsteht eine Verbindung zwischen Fremden. Aus einem Katzenporträt wird Nachbarschaft, aus Kunst wird Begegnung.

Viele der Beschenkten melden sich später bei der Künstlerin. Ihre überraschten, gerührten oder erheiterten Reaktionen dokumentiert Snyder auf ihren digitalen Kanälen. Die Freude der Besitzer wird damit Teil des (Gesamt-)Kunstwerks.

Die Katze als Muse

Dass Katzen zum Zentrum ihres Schaffens wurden, ist keineswegs zufällig. Nach einer längeren kreativen Pause fand Snyder durch ihren geretteten Kater Flurff zurück zur Malerei. Über Monate zeichnete sie ihn nahezu täglich und entwickelte dabei jene freie, spontane Bildsprache, die heute ihre Arbeiten prägt.

Nach Flurffs Tod wurde die ebenfalls gerettete Katze Fig Newton zur neuen Begleiterin und Inspirationsquelle.

Zeichnungen von Beccas gerettetem Kater Flurff aus dem Projekt 365 Days of Flurff
Flurff, Beccas Muse – Becca Snyder (Becca by Hand)

Damit reiht sich Snyder in eine lange Tradition kreativer Katzenliebhaber ein. Von Colette über Jean Cocteau bis Andy Warhol bevölkern Katzen die Ateliers, Schreibtische und Fantasien von Künstlern seit Jahrhunderten. Vielleicht inspirieren sie gerade deshalb, weil sie sich jeder vollständigen Erklärung entziehen. Das macht sie zu so perfekten Musen, zu „Window Mewses“ wie Becca Snyder ihre Modelle liebevoll nennt.

Die Poesie des Hinsehens

Die Bedeutung von Becca Snyders Projekt liegt auch wesentlich in einer Fähigkeit, die im digitalen Zeitalter so rar wie kostbar geworden ist: aufmerksam hinzusehen.

Sie erinnert uns daran, dass die interessantesten Geschichten oft dort entstehen, wo wir gewöhnlich vorbeigehen.

Ein Fenster. Eine Katze. Ein kurzer Blick. Und plötzlich wird aus einem alltäglichen Moment der Anlass zur Gestaltung eines Gemäldes. Die Katzen Brooklyns wissen natürlich nichts von ihrer Rolle als Modelle, Musen oder heimliche Stadtkuratoren. Sie sitzen weiterhin unbeeindruckt auf ihren Fensterbänken und beobachten die Welt. Doch in dieser selbstbewussten Gelassenheit liegt eine magische Anziehungskraft: Sie bringt Menschen dazu, stehenzubleiben. Und wer wie Becca Snyder Katzen liebt, der versteht, warum das bereits genügt, um Kunst entstehen zu lassen.

Zur Person:

Die Künstlerin Becca Snyder in ihrem Atelier
Becca Snyder (Becca by Hand)

Becca Snyder („Becca by Hand“)

  • Name: Rebecca („Becca“) Snyder
  • Wohnort: Brooklyn, New York
  • Beruf: Creative Director, Illustratorin und Künstlerin
  • Bekannt für: Das Kunstprojekt „Random Cats of Kindness“, bei dem sie zufällig entdeckte Fensterkatzen porträtiert und die fertigen Bilder anschließend anonym den Besitzern schenkt.
  • Künstlerische Inspiration: Ihre geretteten Katzen Flurff und Fig Newton.
  • Stil: Humoristische Abstraktion, expressive Charakterstudien, liebevolle Überzeichnung.

Wo man Becca by Hand findet

  • Instagram: @beccabyhand
  • YouTube: @beccabyhand
  • TikTok: @beccabyhand
  • Website: beccabyhand.com

Dort dokumentiert sie regelmäßig ihre Streifzüge durch Brooklyn, den Entstehungsprozess ihrer Bilder sowie die oft herzerwärmenden Reaktionen der überraschten Katzenbesitzer.

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